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  • Detlef Günther – Human Image



    Pressetext:
    Der moderne Mensch ist eine Erfindung – eine Erfindung, die ihren Ausgangspunkt in der Früh-renaissance, also etwa um 1420-1500 hat. Die Anfänge dieses Denkens lassen sich jedoch weiter zurück verfolgen bis zu Giotto di Bondone (1266-1337), der heute als der Begründer der Renaissancemalerei angesehen wird, und Petrarca (1304-1374), der als Mitbegründer des Humanismus gilt. Ca. 100 Jahre später verfasste Pico della Mirandola seine Rede “De hominis dignitate (Die Würde des Menschen-1486)”, in der er den Menschen als wundersames “Chamäleon” beschreibt.

    Heute ca. 700 Jahre später, ist der Mensch dabei, sich neu zu erfinden:

    “Der Mensch entdeckt sich als operabel. Diese radikal neue Epoche ist im Kommen. Und zwar in allen Dimensionen: … Da ist die Werkhalle der Biologie, der Biochemie und Genetik. … Da ist die Werkhalle der Medizin, der Pharmakologie und vor allem der Psychopharmakologie. … Da ist die psychologische Werkhalle …, die “Gehirnwäsche” im Großen betreibt, die mit den Massenmedien umzugehen weiß, mit elektrischen Gehirnreizen Glückseligkeit und Wohlbehagen des ganzen Körpers hervorruft. … Da ist die soziologische Werkhalle. Hier wird das Wachstum der Menschheit vorausberechnet, werden Pläne gemacht, Gesetze entworfen, um die Bevölkerungszahl der Erde auf einem erwünschten Niveau zu stabilisieren. … Und endlich die politische Werkhalle: hier sitzt die Weltregierung, getragen von den herangezüchteten Superintelligenzen, hier werden die Arbei-ten der verschiedenen Werkhallen koordiniert, die letzten Ziele entworfen und festgelegt, auf die sich alle Arbeit am Menschen hinbewegen soll. … es ist, wie wenn auf verschiedenen Teilen eines großen Areals gleichzeitig gebaut wird und man den Eindruck hat, daß diese Einzelbauten einmal zu einem einzigen Bau zusammenwachsen werden, eben zur hominisierten Welt, als einer einzigen großen Fabrik, in der der operable Mensch haust, um sich selbst zu erfinden” *1

    Detlef Günther möchte, indem er an das 13 Jh. anknüpft, an einen gesellschaftlichen Wendepunkt erinnern, an dem in Europa ein neues Menschenbild erfunden wurde, welches zeitgleich einher-ging mit der Erfindung des virtuellen Raums, der heute unser Denken, Handeln und Fühlen dominiert und sich global manifestiert hat.

    In Giottos Fresken (Capella Scrovegni – Padua/Italien) wird Landschaft und Körper geometrisiert. Ebenso stellen diese Fresken erstmalig Alltags-Details dar: Schafe, Lämmer, Bäume … und das erste Portrait der Neuzeit (Enrico Scrovegni, der den Engeln ein Modell der Kapelle überreicht). Dies ist der Beginn einer neuen Sicht auf die Welt, eines neuen Menschenbildes, welches sich in seiner Weiterentwicklung heute in einer Moralität des “selbstbezüglichen Ichs” präsentiert und Konzepte der Patchwork-Identität und des plastisch formbaren Körpers und Geistes aufweist.

    Vor diesem historischen Hintergrund werden in der Ausstellung Details aus Giottos Fresken der
    Capella Scrovegni aktuellen Abbildungen aus Werbung, Wissenschaft und Alltag gegenüber-gestellt. Auf die zumeist als Einzelstücke im Siebdruckverfahren produzierten Arbeiten ist häufig als integrales Detail oder auch formatübergreifend das Symbol des Heiligenscheins gesetzt. Dieses Symbol des Heiligenscheins nimmt in Günthers Arbeiten die Bedeutung eines Platzhalters ein, der Fragen nach einer aktuellen Standortbestimmung des Menschen und seiner Lebendigkeit aufwirft.

    *1 Karl Rahner – Experiment Mensch/Siebenstern-Taschenbuch Nr. 174

    Ich würde mich freuen Euch am 25.03.17 um 18 Uhr zu sehen.
    Euer Andreas